Micha Winkler

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Der Baum


Allein - so steht er, auf der Wiese,
Einsamkeit, die fühlt er nicht.
Er sah so manche Lebenskrise,
jeder ins Gesicht.

Mal war’n es Blitze, mal Schnee und Eis,
er spürte Kälte und starken Wind
und glühte die Sonne noch so heiß …
er trotzte - wie so manches Menschenkind.

Er steht allein; so hat er Sicht,
denn Freiheit war seine Wahl.
Einen Wald, den braucht er nicht;
auch wenn der lockte, so manches Mal.

Er blieb allein, doch nur als Baum,
Tiere waren seine Gäste.
Er lebte seinen ew’gen Traum,
bot ihnen Zweige und Äste.

So lebte er, Jahr um Jahr,
zählte keine Stunden.
Geburtstage feiern? … wie sonderbar,
bestenfalls die runden.

Er weiß, dass irgendwann wird kommen,
der Tag, an dem er wird geh'n.
Und denkt er daran, etwas benommen,
als könnte er's schon heute seh'n,
wie seine Seele schwebt empor,
hinauf in hohe Lüfte,
so stellt er sich das leise vor
und riecht gar lieblich Düfte.

Doch solange er ist hier,
genießen will er sein Leben,
herausgeputzt für's Gastgetier,
bekommen heißt für ihn geben.

Ja, mein Freund, der Baum, er lebt ...
jeden Tag, als ob's sein letzter wär',
bis er sich irgendwann enthebt,
wenn er spürt, es geht nicht mehr.

Ja, er lebt - weil er’s so will -
sein Leben wie’s ihm geschenkt
und lächelt er, dann wird er still,
so wie die Seele, die ihn lenkt.
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