Christian Lehmann
Möchtegernschriftsteller
Frank ist ein Kumpel von mir den ich aus meiner Uni-Zeit kenne. Er hat zum selben Zeitpunkt wie ich das BWL-Studium abgebrochen und sich dann für eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich entschieden, die er letztes Jahr erfolgreich beendet hat. Bloß hat sein Ausbildungsherr ihn nicht übernommen, sodass er seitdem hier und da mal was jobbt und ansonsten viel schreibt. Vor allem Bewerbungen. Aber eben auch manchmal humoristische Kurzgeschichten.
Sein großes Vorbild in dem Bereich ist Wladimir Kaminer. Frank träumt davon, irgendwann mal genug Kurzgeschichten zusammen zu haben, um auch mal ein Buch herausbringen zu können. Und dann würde er sich auch mal an einen Roman heranwagen. So Charles-Bukowski-mäßig. Dann bräuchte man noch nicht mal irgend eine Idee für eine Geschichte, sondern könnte einfach belanglos drauflos schreiben, es müsste sich einfach nur unterhaltsam lesen lassen, sagt er immer. Und dann, so hofft er, könnte er vielleicht irgendwann auch mal von seiner Schriftstellerei leben.
Aber dazu ist Franks Output einfach zu klein und seine Ideen zu beschissen. Und überhaupt fasziniert ihn an der Schriftstellerei irgendwie vor allem das Bild, was man so von Schriftstellern hat. Manchmal glaube ich, er denkt, als Schriftsteller verdient man alleine schon damit Geld, in einem Café bei einem Glas Rotwein an seinem Laptop zu sitzen und seiner Gaulloises beim Wegglimmen zuzusehen. Der sollte, statt immer nur vom Schreiben zu reden, vor allem mal was mehr Schreiben.
Und dann sollte er sich auch mal einem ehrlichen Publikum stellen. Seit Monaten kündigt er an, mal etwas von seinem Kram bei so einer Open-Mic-Veranstaltung vorzulesen. Das soll er bitte auch mal machen, anstatt mir zu unseren Treffen immer seine Texte mitzubringen, die ich dann lesen und kommentieren soll.
Was soll ich denn da machen? Ihm in sein Herzblut pissen? Das Problem ist nämlich, dass er seinen Mist trotz all seiner Unsicherheit tief in sich drinnen echt für gut befindet. Und eigentlich ist er nicht scharf auf Meinungen, sondern auf die Bestätigung einer längst gewonnenen Überzeugung. Der soll echt mal zu dieser Open-Mic-Veranstaltung gehen und sich ausbuhen lassen.
So langsam verstehe ich auch die Angehörigen all der talentfreien Deutschland-sucht-den-Superstar-Kandidaten.
Ich habe mich immer gefragt, ob diese Kandidatenopfer keine Eltern oder echten Freunde haben, die denen sagen, dass sie nicht singen können und sie sich nur zum Affen machen werden. Aber vermutlich spielen die sich in ihrem Bekanntenkreis auch so auf, als wären sie Gottes Geschenk an die Gehörgänge seiner Schöpfung und wären nach einer ehrlichen Meinung vollkommen überfordert mit der Aufgabe, die Freundschaft zum Kritiker aufrecht zu erhalten. Soll die Drecksarbeit doch wer anders machen und sie wieder auf den Boden der Realität zurückholen. Soll doch das Open-Mic-Publikum Frank klarmachen, dass seine Zeit im Augenblick noch nicht gekommen ist.
Obwohl, wenn ich genauer darüber nachdenke, ist das Open-Mic-Publikum dafür vollkommen ungeeignet. Auf solchen Veranstaltungen wird doch jeder Nichtskönner beklatscht. Ich habe noch nie erlebt, dass an so einem Abend mal jemand keinen Applaus bekommen hat. Da sind alle so dermaßen tolerant, da könnte ich mich vorne hinstellen und von 1 bis 500 zählen, die würden klatschen. Keine Ahnung, warum. Vielleicht haben die alle Angst, sich im Falle eines Buhrufs als Idiot zu outen, der das Genie von übermorgen nicht verstanden hat. So von wegen: „Den Schiller, den fand ich schon gut, als der noch beim Open-Mic-Abend seine Gedichte vorlas. Warst du nicht einer von den Dummköpfen, die ihn ausgebuht haben?“.
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