martenmisch

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Schiffen macht frei!


Ich habe Besuch. Wir unterhalten uns.
Anfangs „wie geht’s?“. Dann „ was hast so gemacht?“ und „ Was willste machen?“
Weg vom Standard-Gesülze gelangt man aber auch hin und wieder zu diskutablen Themen und regerem Meinungsaustausch.


Dazu gibt’s meist Bier. Oder Wein. Oder beides. Kippen fehlen auch eher selten. Rauchen ist ja auch irgendwie gesellig.
Statt Worten einfach mal ein wenig Dämpfe und Giftgase in Richtung Gegenüber schicken.

Wir reden, trinken , rauchen. Soweit unspektakulär. Vor allem das Zweitgenannte (zur Erinnerung: das war das trinken) hinterlässt seine Spuren:


Ich spüre: Harndrang. Mein Gegenüber redet ausgerechnet jetzt gerade etwas länger … Ich frage längst nicht mehr nach, höre nur noch zu. Bzw HÖRTE nur zu. Jetzt höre ich nur noch ein wenig HIN und bin viel zu sehr mit dem Gedanken an den Zwang des Urinierens beschäftigt. Ich warte nur auf das Abfallen der Stimme meines Gegenüber, das auf ein Ende der Erzählung hindeutet, deren Länge dem IHM nicht bekannten Druck auf meiner Blase äußerst ungemessen ist...



Dieses Gefühl ist einfach überdimensional. Es ist allmächtig. Musst du pissen, musst du nix anderes.
« komm zu potte » , « lass mich gehen », oder auch ein einfaches « wann lässt er mich aufstehen? » sind die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen. „oh, ick piss hier glei hin“ ist die schon etwas fortgeschrittene Stufe des Ignorierens des Gegenüber aufgrund anhaltendem Entleerungs-Bedürfnisses. Aber ich bin ja stark und lasse mir nichts anmerken.
Obwohl: „jooo“... „hmmmmmm“ … „ja, stimmt“ und „auf jeden Fall“

Diese Reaktionen sind doch scheinbar eindeutig. Von Interesse oder wenigstens Interesse heuchelndem Verhalten kann hier wirklich niemand mehr sprechen.

Wenn mein Gegenüber hier nicht merkt, dass meine Aufnahmefähigkeit von Worten genau wie die von Flüssigkeit gegen 0 tendiert, dann muss er mindestens so gerne reden wie ich pissen will. Er muss mich quasi noch weniger beachten als ich ihn. Ich versuche ja wenigstens herauszufinden, wann er fertig wird: er scheint jedoch nicht zu merken, wie fertig ich bin...

Vielleicht beschreibt „Ich-bin-noch-da“- Verhalten das klägliche Reagieren meinerseits auf die immer noch nicht enden wollende Unterhaltung. „Unterhaltnung (tze...)“... davon kann eigentlich auch nicht mehr die Rede sein. WIR unterhalten uns schon mal gar nicht, weil aus MIR jetzt nun bald wirklich nicht mehr rauszupressen ist als das Zeug, das ich im Laufe der letzten Stunden getrunken habe.
Und das kommt bekanntlich nicht in Form von begeisternden Wörtern aus dem Mund, sondern soll (möglichst JETZT, hallo???) in ein Becken geschüttet werden, welches sich doch eher selten im Raum der KONVERSATION befindet. Zu recht.

Diese muss somit für das Unausweichliche kurz unterbrochen werden. Sie, diese Unterhaltung, die vielleicht als „entertainender-Monolog“ die Bezeichnung rechtfertigt. Dazu allerdings müsste ich mich durch die Ausführungen meines Gegenübers unterhalten fühlen.
Nichts gegen den Redner, aber das einzige, was mich derzeit „unterhält“ ist das, was ich da „unten“ nicht mehr „halten“ kann...

Das ist wie einen Film in den öffentlich-rechtlichen Fernsehprogrammen zu schauen. Keine Werbung bedeutet auch, dass man nicht ohne Weiteres pissen gehen kann. Beim Fussball genau das gleiche: „Verpiss ich mich? Verpass ich was?“
Ich denke, daher kann man an dieser Stelle auch mal den Erfindern und auch den Ausstrahlern von Werbung einen Dank zollen. Die Möglichkeit, während des Ausstrahlens von Produktinformationen selber auszustrahlen, hat sicher einigen Sofas, Betten, Couches und auch Unterhosen die Trockenheit bewahrt. Da Werbung aber auch durchaus nerven kann, würde ich mich auf folgenden außer-fernseherischen Vergleich einigen:

„Werbung ist Pisse und wurde von Pissern geschaffen“

aber nun wieder zu meinem Abend...



Besserung in Sicht.Mein Gegenüber beendet den Monolog mit einem mir auf der Suche nach guter Gelegenheit zum Piss-Intermezzo sehr entgegenkommenden „jaaa, das wars dazu eigentlich“...
„cool cool. Interessant, ich geh mal schnell, ja“...

Ooooooohhhhhhhhhh, befreiend. It läuft. Die letzten 2-3 Minuten, die mir wie eine halbe Stunde vorkamen, sind vergessen...
Dieses Gefühl der Beseitigung des Drucks.....
Wird gefolgt von einem Gedankenüberschuss. Als müsste ich als IMMER nachdenkender (immer bedeutet auch immer, unentwegt nachdenkender) Mensch die letzten Minuten des minimierten sachlichen Denkens sofort nachholen. Und dabei fallen mir zig Antworten und noch ziger Fragen ein, welche der durch den Gang zum Akt der Entleerung unterbrochenen Unterhaltung Fortschritt und Tiefe geben würden.


Diese Pause überwindet die eventuell eingetretene Festgefahrenheit oder auch durch Monotonie begründete Langeweile.

Urinieren öffnet Horizonte. Blasenentleerung als Ende des Gedanken-Staus.
SCHIFFEN MACHT FREI!
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