Tantinator

Meine Persönlichkeitsstörung und Ich

„Ich habe Angst davor, nie wieder gesund zu werden“, sagte ich dem Psychologen. Ein betretenes Schweigen setzte ein. Schließlich räusperte er sich und antwortete:
„Bei einer Persönlichkeitsstörung geht es eigentlich auch viel weniger darum, wieder gesund zu werden, als vielmehr darum, einen Weg zu finden, damit leben zu lernen“.
Das war also SEIN Weg mir mitzuteilen, dass Hopfen und Malz für mich schon längst verloren waren. Aufmunternd und fröhlich fügte er hinzu:
„Nehmen sie HIV-Infizierte, zum Beispiel. Die haben inzwischen auch eine ganz gute Lebenserwartung und können größtenteils ein weitgehend normales Leben führen, trotz des tödlichen Virus“.
Aha. Na wenn das so ist… Da freu ich mich aber. Das Beste aus meiner Situation solle ich machen. Gut. Dann werde ich zunächst einmal versuchen, meine Symptome zu bündeln, um dann das Beste daraus zu machen. Also los.

• Massive Schlafstörungen mit Alpträumen, aus
denen ich in kaltem Nachtschweiß gebadet
aufschrecke
• Desorientierung
• Antriebslosigkeit, sodass ich manchmal für
mehrere Tage das Bett nicht verlassen kann
• Das Gefühl der inneren Leere
• Eine tiefgehende Wut
• Selbstzweifel und Selbsthass
• Selbstzerstörerisches Verhalten
• Mangelnde soziale Kontakte
• Eine tief greifende Angst
• Traurigkeit, Hilflosigkeit, Verzweiflung
• Unzureichendes Selbstwertgefühl
• Aufspaltung meiner Person, mein Körper und
Geist sind desintegriert
• Zerfall meiner Ich-Grenzen
• Unwirklichkeit in meiner Selbstwahrnehmung,
das Gefühl der Betäubtheit
• Selbstmordgedanken

So. Also, wenn ich mir diese popligen Furz-Symptome so ansehe, stelle ich fest, dass das Ganze eigentlich wirklich gar nicht so dramatisch ist, wie ich zuerst dachte. Das bisschen Kontrollverlust. Da muss ich mich halt mal ein bisschen zusammenreißen.
Und jetzt: Das Beste daraus machen. Ok. Dafür werde ich mir einmal ganz bewusst darüber werden, was mir in meinem Leben bisher Gutes widerfahren ist…
Na ja, ich habe immerhin einen Dosenöffner von Leifheit… Oh Mann, das war toll! Mir geht’s tatsächlich gleich viel besser, wer hätte das gedacht! Vielleicht ist so eine Persönlichkeitsstörung ja doch gar nicht so übel. Eigentlich ist sie sogar ziemlich cool, weil originell. Vielleicht schaffe ich es ja sogar, einen Trend draus zu machen. Das ist hierzulande ja gar nicht so schwer.

Bis vor kurzem war ja noch das ADS ganz groß im Kommen und ziemlich hip. Jeder hat es und das ADS ist an allem schuld. Wenn die Bälger undiszipliniert sind keinen Funken Respekt zeigen, zum Beispiel. Oder wenn eines dieser Versagerländer mal wieder in den Bankrott geht. Oder wenn nichts Gutes im Fernsehen läuft.
Ganz egal, was auch immer schief läuft, übernehme bloß nicht selbst die Verantwortung, sondern schieb es einfach auf das ADS, egal wie wenig Sinn es macht, das fällt überhaupt nicht auf. Damit bist du auf jeden Fall aus dem Schneider.

Nachdem sich die Aufregung um das ADS dann etwas beruhigt hatte, folgte ja sofort das nächste Defizit, das wie ein Tsunami über die Republik geschwappt ist. Ein reichlich tuntiges Defizit, möchte ich hinzufügen: Laktoseintoleranz. Jeder hat sie. Ganz plötzlich. Mit einem Mal hat sie sich aus dem Nichts erhoben, wie Phönix aus der Asche. Laktoseintoleranz. Wenn ich mich gelegentlich mit anderen über dieses Phänomen unterhalte, setzt grundsätzlich zuerst ein beklemmtes Schweigen ein, bevor meine Gesprächspartner verlegen antworten:
„Ja, stimmt. Das ist echt total übertrieben. Aber ICH hab das WIRKLICH…!“
Na ja, wer’s eben braucht. Warum dann also nicht auch einmal eine Persönlichkeitsstörung?

„Schatz, du hast vergessen Klopapier zu kaufen“
„Ja, ich hab aber vielleicht auch `ne Persönlichkeitsstörung!?“

Das wär’s doch!

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