Christian Lehmann

Lebenslänglich Garten

Am Haus meiner Freundin angekommen, parke ich den Wagen und gehe auf die Haustür zu. Vor der Haustür sitzt René. René ist der zwölfjährige, fette Enkel von dem Rentnerpaar aus der Wohnung über meiner Freundin. Jedes Wochenende wird er von seinen Eltern zu seinen Großeltern abgeschoben. Kann ich aber verstehen. Den wollte ich auch nicht länger als fünf Minuten um mich herum haben. Ein richtiges kleines, unsympathisches Drecksblag. Der hat eine Fresse, die selbst den Dalai Lama zu einem Schlag in die selbige provozieren würde. Und die Tageszeit kann der einem auch nicht sagen.
Jetzt sitzt er da gelangweilt auf der Treppe herum, guckt blöd, obwohl er böse gucken will, und wippt mit dem Kopf zu irgendwelchen Hip-Hop-Beats, die seinem Handy entweichen.

Ich klingle mit der Brötchentüte in der Hand bei meiner Freundin und es dauert wieder eine gefühlte Ewigkeit, bis sie mir die Türe aufmacht. Was macht die in der Zeit bloß immer.

Dass der kleine Fettsack jetzt auch noch hier rumhockt, macht die Wartezeit nicht erträglicher.

Bin ich froh, dass ich einem monogamen Kulturkreis angehöre, sonst würde das bestimmt noch länger dauern. Wenn zwei Frauen da oben rumturnen würden, dann würde sich, wenn ich klingle, bestimmt die Eine auf die Andere verlassen und dann würde mir überhaupt nicht mehr aufgemacht werden. Ich klappere ungeduldig mit dem Autoschlüssel herum. Wieso konnte sie mir den geben, den Haus- und Wohnungstürschlüssel aber nicht?

Das Handygedudel wird mittlerweile von einer Stimme begleitet, die immer und immer wieder nur die Worte „lebenslänglich Straße“ wiederholt.

Endlich summt der Türöffner und ich gehe ins Treppenhaus. Lebenslänglich Straße. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder René verprügeln soll. So ein Schwachsinn! Lebenslänglich Straße. Der fantasiert sich hier aber auch ein Leben im Ghetto zurecht. Hat auf dem Weg hierher drei Grafittis gesehen, hockt nun vor dem Achtfamilienhaus und fühlt sich, als hätte er die Hochhausschluchten von New York im Rücken. Oder hält sich für genauso ein Ghettokind, wie die aus Filmen a la „Boys ´n the Hood“, weil die da auch immer auf der Veranda ihrer Häuser sitzen und er jetzt eben vor der Haustür seines Opas. Was für ein Ei. Lebenslänglich Straße. Ich kann mir richtig vorstellen, wie der beim seinem Opa im Schrebergarten am Grill herumsteht und sich fühlt, wie an einer brennenden Mülltonne. Voll Ghetto ey. Da darf ich echt nicht weiter drüber nachdenken. Genau so wenig, wie man über Schrebergärtner nachdenken darf. Wenn die nicht zu Hause hocken, hocken die in ihrem Schrebergarten und fühlen sich weiß Gott wie naturverbunden. Dabei sind sie nichts anderes, als Open-Air-Stubenhocker. Die meisten von denen haben doch in ihren Gärten alles, was sie zu Hause auch haben. Einen Kühlschrank, ein Klo und einen Fernseher, der nicht bei der GEZ angemeldet ist. Lebenslänglich Straße.

Hallo René, darf ich dich mit deiner Zukunft bekannt machen? Lebenslänglich Garten.

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