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http://avi.antville.org/c'est la guerre, chez vous aussi
1989 in Saint Denis. Typische Vorstadt in der Banlieue von Paris (lange vor ihrer Image-Sanierung zur Fußball-WM).
Eine Einkaufs-Mall, eine verlotterte Kommunisten-Universität, eine kleine Zeile hübscher 19eme siecle-Altbauten und endlose Reihen von Plattenbauten vor der Autobahn.
"Du kannst da nicht hinziehen. Das ist viel zu gefährlich."
Einheimische raten immer vom Naheliegenden ab. In der Banlieue wohnen die Einwanderer. Wir sind auch Einwanderer. Dieses Drecks-Paris kann sich ja kein Schwein leisten. Étrangers, egal woher, dürfen in Frankreich so schnell kein Bankkonto eröffnen. Ohne Konto nimmt einen kein Vermieter. Bleibt für Randgruppen oder zahlungsschwache WGs nur die "HLM" (Habitations à loyer modéré), der "soziale" Wohnungsbau in den Ghettos der Vorstädte, wo man bar bezahlt. Eine HLM kriegt man gegen Schmiergeld bei der Mairie. Mit Glück auch mit Strom. Banlieue ist HLM. Banlieue ist dreckig und herzlich. Paris vor seiner Hintertür.
Unsere Cité ist ein zwanzigstöckiges Hochhaus mit Aussicht auf die Périphérie. Man kann auf die Autobahn spucken und sollte die Fenster geschlossen halten. Wir sind die einzigen Bewohner mit weißer Hautfarbe im ganzen Block. In der Dreiraumwohnung neben uns acht Studenten von der Côte d'Ivoire, sie haben keine Glotze und kommen gern zum Fußballgucken vorbei. Über uns eine Familie aus dem Maghreb, deren sieben Kinder den ganzen Tag mit Pattextüten vor dem Gesicht im Treppenhaus hocken. Wie so einige Kinder aus dem Block. Besser als Prügel zuhause.
Abends ist keine Frau mehr auf der Straße. Zumindest nicht allein. Auch keine Mitbürger aus Mali oder Senegal. Die Straße gehört den Gangs der Maghrebiner. Im französischen Rassismus-Katalog gelten die schwarzen Kolonialopfer als dumm aber harmlos, die nordafrikanischen "Beurs" als schlau aber gefährlich. Dieser Algerienkrieg ging irgendwie nie vorbei und lungert jetzt auf der Straße herum.
Mein Weg zur Metro führt an der Moschee entlang. Man rennt da besser schnell vorbei, denn man wird sonst manchmal mit Steinen beworfen. Eine Frau abends auf der Straße ist eine Hure. Eine weiße Frau allein auf der Straße ist sowieso eine Hure.
Vorm "Hypermarché" des Einkaufszentrums stehen bewaffnete Sherrifs. Wer Käse kaufen will, muss durch den Metalldetektor und an den Hunden vorbei. Die weiße Security kontrolliert weiße Frauen aber wesentlich weniger streng. An der 20 Meter langen Käsetheke gibt es Pink Floyd-Beschallung. Manchmal auch Les Negresses Vertes. Spät-80er-Muzak im Supermarkt ist lässiger als seine Security.
Die Riots finden eh außerhalb der Öffnungszeiten statt. Brennende Müllcontainer schaffen es nicht mehr durch die vergitterten Zugänge der Mall.
Freunde erwarten Zuwachs von der Elfenbeinküste. Der Neffe sollte eigentlich zum anderen Onkel nach London. Der Onkel in London arbeitet bei der Botschaft und es klingt, als sei er der Botschafter persönlich. Ist eher unwahrscheinlich. Er hat auch keine Verwendung für den Neffen. Der soll erstmal in Paris "Europäisch" lernen... Meine Freundin stöhnt: "Wir sind schon zu sechst in zwei Zimmern." - Der Neffe sitzt seit zwei Wochen vor dem Fernseher. Sie ist völlig genervt. Der Neffe war fest davon überzeugt, dass er in Europa sein Glück findet. Einen Klumpen Gold oder so. Am Flughafen oder am Gare de l'est... Man muss nur drauf warten. Bis dahin gibt es ja Fernsehen und Essen von der Familie. Sie geht morgens um fünf zu ihrem ersten Putzjob. Zwischendurch Männerbekochen. Zum Onkel in London will er gar nicht. Da kennt er die Sprache nicht.
Wenn ich nach Paris reinfahre kommt mir die Stadt vor wie ein unwirkliches Disney-Paradies für Wohlstandstouristen. Ohne es zu bemerken, lebe ich außerhalb Europas. Es wird normal, dass wir den Strom nur mit vielen Tricks zum Laufen bringen. Auch nicht ungewöhnlich, für die Kinder im Treppenhaus mal ein Brot mehr dabei zu haben. Man stumpft ab mit der Zeit und grüßt die Typen, die einen als Hure beschimpfen. Sie grüßen zurück und beschimpfen einen als Hure.
Eines Abends verlaufe ich mich im Pariser Chinatown. Treffe zufällig den Bassisten einer Ska-Band, für die ich mal in Spanien übersetzt hatte. Wir fahren zum Betrinken nach Clichy. Seine Leute sind aus Marokko und lassen mich nachts nicht mehr nach Hause. Saint Denis?! Da könnte man nicht leben. Das sei viel zu gefährlich...
16 Jahr später...
Europas Grenzen verlaufen längst nicht nur außen. Und man wundert sich, dass es nicht viel häufiger brennt irgendwo.