Christian Lehmann
Geschichten von ich weiß nicht woher III
Sitze mit ein paar Leuten in einem Schwimmbad in der Sauna und ähnele einem Zimmerbrunnen. Plötzlich kommt, bekleidet mit langer Hose und Pullover, ein Jugendlicher herein, setzt sich neben mich hin und friert. Ganz sicher ist
er in der Pubertät. Hauptsache anders sein.
Auf einmal sagt er: „Der war gut, oder?“
Daraufhin lachen alle Anwesenden außer mir und er erzählt einen lustigen Witz.
Ich überlege, ob ich gehen soll. Muss daran denken, dass alle immer sagen, man solle gehen, wenn es am schönsten ist. Aber woher soll man wissen, wann es am schönsten ist? Vielleicht wird es, wenn man es jetzt am schönsten
findet, später ja noch viel schöner? Und dann ist man gegangen, bevor es am schönsten war.
Eigentlich kann man nur bis zum Ende bleiben und dann
rückblickend sagen, dass es dann und dann am schönsten gewesen ist und man da hätte gehen sollen.
Ich bin mir langsam sicher, der Satz mit dem Gehen ist was für Pessimisten, die glauben, dass jetzt eh nichts schöneres mehr passieren wird. Optimisten rechnen immer noch mit dem Oberknaller und bringen sich damit selbst in die Situation, den Konjunktiv II irgendwann gebrauchen zu müssen. Doch was bin ich jetzt? Optimist oder Pessimist? Mal die anderen fragen.
Bemerke, dass ich mittlerweile alleine bin. Da ich mich alleine in Saunen fürchte, renne ich schnell raus.
Draußen fragt mich eine Frau, ob ich ihr Kind gesehen habe. Ich frage nass geschwitzt zurück, über welche primären Geschlechtsmerkmale ihr Kind verfügt, wie alt es ist, ob es über besondere äußere Merkmale verfügt, wie
zum Beispiel über eine große Nase oder eine Brille auf einer normalen Nase oder eine Kombination aus beidem, welcher Zeitraum, in dem ich ihr Kind gesehen haben könnte, sie am meisten interessiert und ob sie mit ihrem Kind gerade Verstecken spielt. Denn falls ja, dann würde ich ihr, gemäß dem Fall, ich hätte ihr Kind irgendwo gesehen, sagen, dass ich es ihr nicht verrate, weil ich beim Versteckenspielen Mogeln nicht richtig finde und das auch nicht unterstütze.
Sie lässt mich und meine unbeantworteten Fragen im Raum stehen und sucht auf eigene Faust weiter.
Gehe zur Umkleidekabine und treffe auf ein weinendes Kind, männlich, etwa 7 Jahre alt, normal gewachsen für sein Alter, blonde Haare, Hasenzähne. Werde von ihm gefragt, ob ich seine Mutter gesehen hätte, 39 Jahre alt, ungefähr
10 cm kleiner als ich, blonder Pferdeschwanz, Brille, Bodymaßindex etwa 26, vermutlich nach ihm suchend.
Sage ihm, dass die Beschreibung zwar auf eine Frau passt, die ich gerade eben gesehen habe, ich mir aber kaum vorstellen kann, dass er mit ihr verwandt ist.
Frage ihn, wie sein Vater denn so wäre aber da kommt dann auch schon die Frau von eben angerannt. Frau und Kind fallen sich in die Arme und sind glücklich. Schöner kann es nicht mehr werden, weshalb ich jetzt gehe.
Ich verlasse das Schwimmbad, steige in die Straßenbahn und bekomme sofort mit, wie ein offensichtlich kaputter Typ einen alten Mann anbrüllt, der neben seiner Frau und hinter der Enkeltochter, die sich beide teilen, sitzt.
Der kaputte Mann ist außer sich vor Wut und sagt zum alten Mann: „Du fickst bestimmt mit deiner Enkelin!“
Ich mische mich ein und frage den kaputten Mann, um ihn vom alten Mann abzulenken, was denn los sei. Er erklärt mir, er habe den alten Mann gefragt, ob er eine Zigarette für ihn habe und dann hat der alte Mann ihm empfohlen, arbeiten zu gehen.
Ja gut. Das macht keinen Sinn. Gebe ich dem kaputten Mann Recht. Fürs Arbeitengehen bekommt man schließlich keine Zigaretten. Mann bekommt Geld und davon kann man sich dann Zigaretten kaufen. Aber die Reaktion ist dann doch etwas unverhältnismäßig. Genau das erkläre ich dem kaputten Mann
beschwichtigend. Dabei bestärke ich ihn aus deeskalationstaktischen Gründen in seiner Ansicht, dass der alte Mann ein Arsch sei, teile ihm aber auch mit, dass er doch aber bitte nicht solche Sprüche wie „Du fickst bestimmt mit deiner Enkelin!“ bringen soll. Er sieht es ein, gibt mir Recht, palavert noch ein bisschen mit mir und steigt dann aus der Bahn aus.
Ich bin glücklich. Habe ich doch gerade echt mal eine explosive Situation entschärft. Wäre ich nicht gewesen, wäre der alte Mann morgen bestimmt in der Zeitung gewesen.
Ich schaue zum alten Mann und seinen Familienmitgliedern herüber um mich ein wenig in ihren Blicken der Dankbarkeit zu sonnen.
Aber alle gucken mich an, als würden sie mich am liebsten am nächsten Baum aufknüpfen. Vermutlich deshalb, weil ich mich ihrer Ansicht nach mit diesem kaputten Typen
verbrüdert habe. Wissen die denn nicht, dass ich das nur gemacht habe, um ihn zu beruhigen, damit nicht schlimmeres passiert. Also Echt!
Diese Undankbarkeit und Dummheit macht mich wütend.
Ich erkläre dem alten Mann, was es mit meinem Verhalten auf sich hatte woraufhin er zu mir sagt, dass er mit Abschaum wie mir nicht rede. Da raste ich aus.
Ich beschimpfe ihn auf Übelste. Als ich ihm vorwerfe, dass er bestimmt mit seiner Enkelin fickt, quatscht mich ein junger Mann an, der gerade in die Bahn gestiegen ist und fragt mich, was los sei.
Ich erkläre ihm die Geschichte. Der junge Mann zeigt Verständnis, bestärkt mich in meiner Ansicht, dass der alte Mann ein Arsch ist und schafft es tatsächlich, mich wieder auf den Teppich zu holen. Schließlich steige ich
aus der Bahn aus und höre vorher noch, wie der junge Mann den alten Mann nach einer Zigarette fragt.
Auf dem Bahnsteig rempelt mich eine fette Frau, die einen Trainingsanzug anhat, an. Ich frage mich, warum ausgerechnet fette, unsportliche Frauen immer in Sportklamotten herumrennen. Ich drehe mich nach ihr um und rufe „blöde Kuh“ hinter ihr her. Aber sie hält sich die Ohren zu. Dadurch bekam sie lediglich mit, dass sich ein Mann, in dem Fall ich, nach ihr umgedreht hat und nun fühlt sie sich attraktiv. Hab ich der jetzt auch noch einen Gefallen getan. Aber was hätte ich machen sollen? Mich nicht umdrehen und trotzdem „blöde Kuh“ rufen, damit sich die andere Frau, die mir gerade entgegen kommt, angesprochen fühlt? Die mich übrigens auch anrempelt.
Was ist denn mit den Weibern los?
Bemerke bei einem Blick ins Schaufenster, dass auf meinem T-Shirt „Achtung Gewinnspiel! Die 1.000.000ste Frau, die
mich anrempelt, erhält sofort 100.000 Euro in bar. Mitmachen und gewinnen!“ steht.
Hab ich mir in der Umkleidekabine doch tatsächlich versehentlich die falschen Klamotten angezogen. Deshalb ging mein Schließfach auch so schwer auf.
Durchsuche die Taschen meiner neuen Hose nach 100.000 Euro Bargeld, finde aber lediglich 99.999 Euro. Vermutlich habe ich mal wieder einen Euro im Schließfach stecken lassen.
Freue mich trotzdem wie Bolle und bemerke, dass ich überhaupt nicht weiß, wer Bolle überhaupt ist.
Wer ist dieser Bolle, der sich irgendwann mal so gefreut haben muss, dass er ständig als Vergleich herangezogen wird, wenn man sich mal tierisch freut?
Ich kenne nur den Bolle aus diesem Lied „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten“. Aber den kann man unmöglich damit meinen. Der verliert in dem Lied ein Auge und wird von seiner Frau verhauen. Er amüsiert sich zwar dauernd dabei, aber amüsieren ist doch nicht freuen. Oder es gibt über diesen Bolle noch ein Lied, das noch viel bekannter ist und in dem er sich dauernd freut? Und deshalb sagt man statt, „ich habe mich amüsiert wie Bolle“ immer „ich habe mich gefreut wie Bolle“? Mit Sicherheit!
Freue mich schon wieder wie Bolle, dass ich mit diesem Talent gesegnet wurde, mir alles logisch aus dem Nichts herzuleiten, bin auf mich selber gerade stolz wie Oskar und werde mir die kommenden Tage mit Sicherheit das Hirn darüber zermartern, wer denn nun schon wieder dieser Oskar ist.
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