Christian Lehmann
Geschichten von ich weiß nicht woher II
Nachdem mir bewusst beglaubigt worden ist, dass jedem nachstehenden Vordenken ein Nachdenken vorsteht, steige ich in eine Straßenbahn ein und setze mich hinter einen Paargewordenen Kompromiss (er rothaarig, sie dick). Werde einige Zeit später Zeuge eines Coming Outs. Ein Schwuler bekennt sich dazu, Fahrkartenkontrolleur zu sein und will meinen Fahrschein sehen. Ich besitze zwar einen, gebe damit aber nicht so gerne an, weshalb ich ihn ihm nicht zeige. Kostet zwar 40 Euro, aber sein Image muss man sich schon etwas kosten lassen. Anschließend erzählt mir der Kontrolleur, er sei leidenschaftlicher Schwarzfahrer und nur deshalb Kontrolleur geworden, um Gleichgesinnte kennen zu lernen. Um ihn loszuwerden, zücke ich meinen Fahrausweis und habe sofort Ruhe. Jemand hinter mir sagt „Gesundheit“ und aus Höflichkeit niese ich. Plötzlich werde ich von einem verärgerten Mitfahrer angesprochen. Er fragt mich zum einen vorwurfsvoll, ob ich ihn gerade angeguckt hätte und zum anderen interessiert, ob ich was aufs Maul will. Ich verneine beides, komme jedoch ins Grübeln. Meine Freundin wirft mir immer vor, andere Frauen anzusehen. Vielleicht haben beide Recht und meine Guckrichtung ist nicht richtig justiert. Steige aus der Bahn aus, um zu einem Augenarzt zu gehen. Da ich einen nötig habe, finde ich natürlich keinen. Lande stattdessen bei einem Zahnarzt. Schildere mein Problem. Nach Röntgen und Bohren meint dieser, es hilft alles nichts, er müsste mir die Augen ziehen. Ziehe lieber selber und zwar ab. Meine Augen brennen. Hole mir in der Apotheke Augentropfen und Kontaktlinsen. Ein echter Kerl wie Chuck Norris hätte sich vermutlich Vollkontaktlinsen geholt, möchte man meinen. Ich hingegen muss, da völlig fertig mit den Nerven, heulen. Das Salz der Tränen brennt in meinen verwundeten Augen wie Feuer, aber ich höre nicht auf. Ich trotze diesen Schmerzen und gehe davon aus, dass die Tränen meine Augen irgendwie sterilisieren und komme zu dem Schluss, dass ich zum Einen ein echterer Kerl als Chuck Norris bin und es zum Anderen Situationen im Leben gibt, in denen es einen richtigen Mann, also so einen richtig harten Knochen, dadurch ausmacht, dass er heult. Stehe flennend vorm Standesamt und stelle fest, dass sich direkt daneben ironischerweise die Kanzlei eines Scheidungsanwalts befindet. Stelle es mir lustig vor, erst zu heiraten und sich anschließend sofort im Anschluss scheiden zu lassen. Das ist überhaupt die Idee! Die kürzeste Ehe der Welt. Das bringt mich meinem Kindheitstraum, einen Eintrag ins Guinnesbuch der Rekorde zu erhalten, einen erheblichen Schritt näher. Stelle mein Weinen sofort ein. Frage ein Mädel, das gerade vorbeikommt, ob sie mich heiraten will und sich dann im Anschluss von mir scheiden lässt. Sie sagt ja. Als Ehepaar verlassen wir das Standesamt und marschieren rüber zum Scheidungsanwalt. Leider ist die Kanzlei geschlossen. Ist also nichts mit Scheidung. Meine Frau wird ein wenig hysterisch und brüllt rum. Mein erster Ehekrach. Soll sich mal was zusammenreißen. Bleibe schließlich auch gefasst, obwohl mein Rekordversuch ebenso wie meine Ehe zu scheitern droht. Sie haut ab und verbietet mir, ihr zu folgen. Bin ja mal gespannt, was da noch kommen wird. Genieße fürs Erste mein Strohwitwerdasein. Meine Freundin hat scheinbar von meiner Eheschließung erfahren und lässt in ihrem Handeln eine Art Steigerung zu Tage treten, indem sie mich zuerst anruft und kurz darauf anschreit. Ich erzähle ihr alles und hoffe die ganze Zeit auf ein Lachen meiner jetzigen Affäre, doch sie lacht nicht. Wie die Schlampe heißt, will sie von mir wissen. Ich weiß es jedoch nicht. Weiß nur, dass sie einen Doppelnachnamen hat und einer davon der gleiche wie meiner ist. Ich solle nur warten, bis sie mich in die Finger bekäme. Au weia. Erinnere mich, dass sie über Schlüssel zu meiner Wohnung verfügt. Will die Schlösser austauschen, habe aber nur noch Türen da. Also beginne ich, die Türen auszuwechseln. In der Hoffnung, dass sie meine Wohnungstür nicht erkennt und so gar nicht erst versucht, einen Schlüssel in irgendein Schloss zu stecken. Leider ist das ganze sehr zeitaufwändig, sodass sie bereits da ist, bevor ich fertig bin. Würde gerne in meine Wohnung rennen, die Tür hinter mir zuschlagen und verbarrikadieren, bloß ist meine Wohnung gerade Türlos. Ich versuche sofort, ihr einzureden, dass mein Rekordversuch eine unterstützendwerte Sache sei. Sie sieht das nicht ein und trägt mir auf, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Warum muss eigentlich immer etwas richtig gestellt werden, wenn jemand falsch liegt? Ich versuche, sie milde zu stimmen. Zu meiner Überraschung zeigt sie keinerlei Gewaltbereitschaft. Leider erstreckt sich ihr Verhalten nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf die Fähigkeit, mir zu verzeihen. Sie gibt mir den Laufpass. Hätte zwar lieber die Standpauke genommen, aber das Leben ist bekanntermaßen ja kein Wunschkonzert. Eher so ´ne Mischung aus Weihnachtswichteln und einer Leistungsprämie. Man bekommt, was man nicht haben will und weiß noch nicht einmal, wofür.
Ich bin traurig und verletzt und schmiede Pläne, wie sie nur ein trauriger und verletzter Mann schmieden kann und die ich in die Tat umsetzen täte, würde ich jetzt im Lotto gewinnen. Als allererstes würde ich mich klonen lassen. Anschließend würde ich mich zu einer Frau umoperieren lassen und dann mit meinem Klon vögeln. Das wäre mal eine vollkommen neue Dimension der Selbstbefriedigung. Außerdem könnte ich so mal überprüfen, wie ich denn so im Bett bin. Irgendwann würde ich mich dann wieder in einen Mann umoperieren lassen und gucken, ob ich als Re-Mann wieder genau so aussehe wie als Ur-Mann oder ganz anders. Wenn dann noch was Geld übrig ist und mir meine neu erfundene Art der Selbstbefriedigung zugesagt hat, würde ich meinen Klon noch fix in eine Frau umoperieren lassen und wäre für den Rest meines Lebens Sieger der Wette: Wetten, dass ich mir selber einen blasen kann, während ich auf einem Stuhl sitze und dabei gleichzeitig die Zimmerdecke anstarre?!
Als es fünf Uhr Nachmittag ist, nehme ich mich zusammen und meinen Englischduden an die Hand, um mein Englisch ein wenig zu verbessern. Habe vor ein paar Wochen damit begonnen und bin momentan gerade mal beim Buchstaben G angekommen. Aber ich bilde mir ein, dass mein Englisch bereits besser geworden ist. Habe neulich sogar einen englischsprachigen Schreibwettbewerb gewonnen. Meine Kreativität im Hinblick auf Stabreime hat die Juroren sofort überzeugt. Als ich bei der Vokabel „guinea pig“ ankomme, stutze ich. Als deutsche Übersetzung steht nämlich „Versuchskaninchen“ daneben. Apropos „nämlich“. Der Satz „Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich“ müsste, wenn man es genau nimmt, eigentlich „Wer nämlich mit mehr h als dem am Ende schreibt, ist dämlich“ heißen.
Versuchskaninchen. Das kommt mir doch komisch vor. Schlage zur Sicherheit das Wort „pig“ nach. Wusste ich es doch! Ein pig ist ein Schwein und kein Kaninchen! Jetzt schlage ich auch Guinea nach und siehe da, es heißt im Deutschen nicht „Versuch“. Haben die aus einem „try rabbit“ einfach mal ein „guinea pig“ gemacht. Das ist ja mal ein doofes Wörterbuch. Außer mir vor Zorn werfe ich es weg und nehme mir vor, kein Englisch mehr zu sprechen, bis ich nicht ein neues Lehrbuch habe. Muss meinen Frust an jemandem ablassen und rufe denjenigen an, der mir dieses Wörterbuch geschenkt hat. Ich beschimpfe ihn wüst, dass er unsere Freundschaft als beendet betrachten könne. Mehr noch. Er könne das Kriegsbeil als ausgegraben betrachten. Machen die in seinem Buch aus ´nem Kaninchen ein Schwein. Als er mir sagt, ich wäre auch nicht viel besser als die Wörterbuchautoren, da ich gerade aus einer Mücke einen Elefanten machen würde, lege ich beschämt auf. Seitdem überlege ich, ob Bugs Bunny und Porky Pig jetzt die waren, von denen ich immer dachte, sie seien es, oder genau umgekehrt.
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