Micha Winkler

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Die Kunst des Loslassens


Da war ein Ding,
ich konnt’s kaum fassen,
drum war’s so schwer,
es loszulassen.

Wie ein Dämon
trieb’s seine Spiele,
machte Probleme -
manchmal viele.

Es saß so tief,
ich konnt’s kaum verorten,
es schien fast so,
als wollt’s mich morden.

Es war sehr fein
und anschmiegsam,
hielt mich so
in seinem Bann.

Rief ich zum Kampfe,
um’s loszuwerden,
wurd’ es stärker,
zog mich zu Erden.

Als ich beschloss,
es zu akzeptieren,
alsbald es begann,
Kraft zu verlieren.

Dieser Dämon
da drin in mir,
war anspruchsvoll
mit viel Gespür.

Ego“, so sagte er,
sollt’ ich ihn nennen,
und mich zu ihm
zunächst bekennen.

Gab ich ihm Raum,
fühlt’ ich ihn steh’n,
er sagte dann:
“Jetzt kann ich geh’n.“

Und als er ging,
so beim Umdrehen,
lachte er mich an,
gab mir zu versteh’n,
dass er all die Jahre lang,
als er hatte an mir gehang’
ich es war,
der ihn da wollte,
bis er sich
jetzt endlich trollte.

„Du hast’s geschafft,
geliebter Feind.“,
er lächelt noch,
als er sich vereint
mit den Erden unter mir
War er Mensch?
War er Tier?

Ich hörte sein Lachen,
nun, eher ein Grinsen wohl,
es klang nicht schön,
doch auch nicht hohl.

Er selbst ward nie
so ganz zu seh’n
Drum war’s so schwer,
ihn zu versteh’n.

Und wenn’s mal wieder
schwerer wird,
weiß ich,
ich habe mich verirrt
und kämpfe gegen seine Brüder,
Oh, seltsame Gesetzeshüter.

Ich bediene mich
nun seiner Waffen,
lache zurück
und werde es schaffen,
ich werde seine Kräfte testen,
denn wer zuletzt lacht,
lacht am besten.

Er will Böses und schafft Gutes,
er ist der Antrieb meines Mutes,
die Angst ist seine feinste Maske,
ich sah sie, als ich ihn ins Auge fasste.

Er treibt mich voran
und wird nicht ruh’n.
“Hier hast du was,
das gilt’s zu tun …
Zieh’ dich heraus
aus deinem Schlamm,
brich ihn auf
den alten Damm,
lass es fließen –
jetzt und hier.
Keine Angst –
ich helfe dir.“

Ich sah ihn an,
verstand es nicht,
ich fragte ihn,
jenen, ohne Gesicht,
was oder wer er denn nun sei
und plötzlich ließ er mich frei.

„Ich bin dir Freund,
ich bin dir Feind,
beides ist
in mir vereint.
Sei dir dessen stets bewusst,
weil du eines lernen musst:
Zeige Respekt und spiel mit mir,
manch schöne Dinge zeig ich dir.
doch in jenem Augenblick,
in dem du beginnst, sie festzuhalten
wird meine Liebe alsbald
fürchterlich erkalten.

Freiheit gab ich dir,
um mich zu finden.
Du suchtest vorne,
suchtest hinten.
Und als du endlich fertig schientest,
meinte ich, dass du’s verdientest,
zu bekommen, was du wirklich suchtest.
Anfänglich du mich noch verfluchtest.
Doch mit der Zeit, da wurd’st du weiser,
und auch deine Flüche leiser.

Irgendwann bemerktest du,
in einer mittäglichen Ruh’,
dass alles, was du je begehrtest,
du fandest, als du in dich kehrtest.

Du nahmst den Besen,
machtest in dir sauber,
für fremde Befehle
wurdest du indes tauber.
Du tatest, was du in dir fühltest,
das, was du fandest, als du da wühltest.
Auch erschrakst du an manchen Tagen,
dann sah ich dich ganz leicht verzagen.
Doch so ist das beim Saubermachen,
es ist zum Weinen und zum Lachen.

Ich bin jetzt hier,
kannst mich erkennen,
versuch nur nochmal
wegzurennen.
Da lach ich jetzt schon
herzhaft drüber,
Willst du nicht sehen,
wird deine Sicht trüber.

Du wolltest mich finden,
du hast’s getan.
Bist unzufrieden, hmm?
Ist’s dein Ego-Wahn?

Rennst du weg
vor deinem Spiegel,
werden wir spielen
Hase und Igel.
Wenn du dann ankommst
und rufst „Hurra“,
wirst du bald sehen,
ich bin schon da.

Drum, lieber Freund, hör mich an,
Ich bin in allem, was du siehst hier.
Ich bin in jeder Frau, in jedem Mann,
in jeder Pflanze, in jedem Tier.
Ich bin im Wasser, ich bin im Eis,
Ich bin im Schwarz, ich bin im Weiß.

Nutze alles, was du brauchst,
doch nur so lange wie notwendig.
Verschenke, was du geben möchtest.
Genieß die Zeit, die du lebendig.
Willst du dich nicht mehr von mir trennen,
kannst du mich auch in dir erkennen.

Nun weißt du,
Du stehst in meiner Gunst,
ja, loszulassen
ist wahrlich eine Kunst.
Doch lernst du sie,
lernst du von Herzen,
befreit sie dich
von deinen Schmerzen.
Nutzt du deinen Kopf,
verfeinerst du dein Denken,
so werde ich dich
ein Leben lang beschenken.“

Dann brach er ab,
und wollte geh’n,
doch hielt er inne,
blieb kurz stehen.

„Ich ahne, wie’s um dich bestellt,
drum ehe ich es ganz vergess’
und damit’s dir leichter fällt,
nenne mich doch einfach ES.“

Dann ward er … ES
nicht mehr zu seh’n
Ich wusste nicht,
tat ich’s versteh’n?

ES kam nicht wieder,
doch war auch nicht weg.
Was war sein Sinn?
Was war sein Zweck?

Als ich ging entlang die Straßen,
meine Gedanken in manchen Phasen,
schienen mir wortlos flüsternd zu sagen,
’Es gibt Antworten auf deine Fragen.’

Ich sah ES das Leben inszenieren,
sah ES in Männern und in Frauen,
sah ES in Pflanzen und in Tieren
… wenn ich wagte, mich zu trauen.

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