Tube

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Tube (von manchen auch Tobias Herre genannt)


Tube liest einemal die Woche immer mittwoch bei der berliner Lesebühne Surfpoeten Geschichten vor.
kann Computerprogramme in fast jeder x-beliebigen Programmiersprache schreiben, hat mal früher sogar ein Computerspiel gemacht. Das Spiel heißt Atomino. Mit etwas Glück findetst du im Netz eine Raubkopie des Uraltgames. Außerdem testet Tube derzeit in einem aufopferungsvollen Selbstexperiment an einer private University in Berlin, was Lohnarbeit ist.

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Arbeitsplätzchen auf Wirtschaftswachstuch

Seit ich in der Lage bin, Fernsehen zu gucken, ich denke, das ist seit Mitte der 70er Jahre so, da kam es auch schon im Westfernsehen, das über die Mauer hinweg vom Westfernsehturm nach Ostberlin bis nach Kaulsdorf strahlte, alle hatten Antennen auf den Dächern, die nach Westen zum Westfernsehturm ausgerichtet waren, da habe ich das auch schon im Fernsehen gesehen, nämlich dass sie, wenn Wahlen waren, gesagt haben: Wir werden mehr Arbeitsplätze schaffen, wir brauchen Wachstum. Als ich sehr klein war, das war vor Mitte der 70er, verstand ich das noch nicht richtig. Wachstum, ich dachte, sie sagten Wachstuch. Wir brauchen Wachstuch. Und ich fragte mich, wo das Problem sei. Auf dem Küchentisch lag immer ein Wachstuch, rot kariert, dort konnte ich morgens meinen Kakao drauf verkleckern. Was hatten die im Fernsehen nur für merkwürdige Probleme? Aber es war nur ein Missverständnis, ein akustisches, das sich eingeschlichen hatte, da ich als Kleinkind mit dem Wort Wachstum nichts anfangen konnte. Manchmal sagten sie auch Wirtschaftswachstuch, und, wenn sie Arbeitsplätze sagten, glaubte ich, es handele sich um ein Gebäck, etwa riesige Kekse, weil sie nicht die Niedlichkeitsform, Arbeitsplätzchen, wählten. So dachte ich also, dass sie im Fernsehen etwas sagten wie: Wir wollen Arbeitsplätzchen auf Wirtschaftswachstuch backen. Das war natürlich kindisch, dumm, saudumm, naiv dumm, bescheuert, dämlich, plemplem, voll plemplem, bekloppt, hirnrissig, hirnverkokelt, beschrubbt. Später, Mitte der 70er, wurde mir dann klar, dass es um Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum ging und dass das Volk das wählen sollte. Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum. Das wählt das Volk bei den Wahlen nun schon seit Mitte der 70er. Dumm, saudumm, hirnverkokelt, beschrubbt, bescheuert, dämlich. Damit meine ich jetzt nicht, dass es dumm, saudumm und bescheuert und dämlich sei, Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum zu wählen. Wer das gerne haben möchte, wähle das. Bitteschön. Soll er doch. Von mir aus. Soll er doch arbeiten und keinen Kuchen essen. Wobei, wenn ich die Wahl hätte, ich mich eher für Arbeitsplätzchen, als für Arbeitsplätze entscheiden würde. Obgleich ich mich durchaus auch mit einem Arbeitsplatz anfreunden könnte. Hauptsache, er ist bequem. Ich denke da an einen gepolsterten Sessel, davor ein Höckerchen, auf das ich meine ausgestreckten Beine legen kann, auf dem Boden darunter Wachstuch, falls ich mal versehentlich etwas Bier verschütte. Das wäre doch ein anständiger Arbeitsplatz. Selbstverständlich spielt auch der Standort eine wichtige Rolle. Standort Deutschland ist Käse. Ein Strand am Mittelmeer bietet sich für meinen Sessel als Standort viel eher an. Bei den Wahlen geht es aber gar nicht um Arbeitsplätze wie ich sie mir vorstelle. Es soll sogar Arbeitsplätze geben, wo man immer stehen muss. Und das am Standort Deutschland. Aber bitte schön. Wer das wählen will, soll es wählen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: CDU oder SPD. Im Prinzip gibt es noch mehr Möglichkeiten. Aber die meisten entscheiden sich zwischen CDU und SPD. Seit ich Fernsehen gucken kann, seit Mitte der 70er gewiss, wabbelt das hin und her. Mal ist die CDU dran, die Arbeitsplätze schaffen will, es aber nicht schafft, Arbeitsplätze für alle zu schaffen, drum wird die SPD gewählt, die es ein paar Jahre versucht, Arbeitsplätze zu schaffen, aber es auch nicht schafft. Enttäuscht wählt das Volk wieder die CDU an die Macht, dabei haben die es beim vorletzten Mal ja auch schon nicht geschafft, Arbeitsplätze zu schaffen. Man stelle sich ein Kind vor, das eine rote und eine schwarze Murmel und ein Holzbrett, das auf ein Buch gestützt, schräg da liegt, und das Kind hat den Wunsch, eine Murmel so auf dem Brett zu platzieren, dass sie nicht herunterrollt. Es nimmt die schwarze Murmel, sie rollt runter, es denkt: Aha, die schwarze Murmel rollt runter, also nehme ich die rote Murmel, oh, sie rollt runter, dann werde ich es noch mal mit der schwarzen Murmel versuchen, nein, sie rollt runter, dann muss es doch mit der roten klappen, nee, klappt auch nicht, ja, dann nehme ich die schwarze Murmel, nein, auch nicht, also die rote, oder mal beide zugleich, nein, dann probier ich es mit der schwarzen Murmel, vielleicht klappt es ja, wenn ich dazu noch eine grüne oder eine gelbe Murmel lege, nein, ich muss es doch allein mit der roten versuchen, hat wieder nicht geklappt, also muss doch mit der schwarzen Murmel gehen. Da sehe ich nun ein Kind seit Mitte der 70er Jahre mit Murmeln spielen. Und es hat bis heute nicht gelernt, dass es einfach ein zweites Buch unter das Brett legen müsste, damit die Murmeln nicht herunterrollen.