Briefe an PRISM (1)

Seit ich weiß, dass jede meiner E-Mails von einem Mitarbeiter der amerikanischen Stasi und von einem Mitarbeiter der BRD-Stasi und von einem Mitarbeiter der Britischen Stasi gelesen wird, seit ich also weiß, dass ich selbst nicht der Einzige bin, der meine E-Mails liest, denn die, an die ich meine E-Mails schicke, lesen sie meist gar nicht, sie sagen, sie hätten sie nicht erhalten, sie seien im Spamordner gelandet, verloren gegangen, unwichtig gewesen, was auch immer, seit ich nun also weiß, dass es dennoch jemanden gibt, der meine E-Mails liest, erscheint es mir nicht mehr ganz so sinnlos, den Sendeknopf meines E-Mail-Programms zu drücken, und zudem fühle ich mich meinem unbekannten Leser immer mehr verpflichtet, weshalb ich in letzter Zeit dazu übergegangen bin, in meinen E-Mails auch einmal ein paar Grüße direkt an ihn zu richten, ja, ich bin sogar schon soweit gegangen, dass ich Mails direkt und ausschließlich an meinen Mitleser gesendet habe, was ohne Weiteres möglich ist, selbst , wenn man dessen E-Mail-Adresse gar nicht kennt. Ich muss die E-Mail lediglich an mich selbst schicken, dann geht sie raus ins Internet, dann in die USA, dort wird sie geöffnet, übersetzt, gelesen, archiviert und eine Kopie über das Internet an mich zurückgesendet. Und so stellte ich mich zum ersten Mal persönlich bei meinem Sachbearbeiter vor:
Mein lieber Freund,
sicherlich wirst du überrascht sein, dass du von mir eine E-Mail bekommst. Du wirst dich wohl auch fragen, woher ich dich kenne. Nun, wir kennen uns über einen ehemaligen Arbeitskollegen von dir, er heißt Edward Snowden. Sicherlich hast du auch davon gehört, es hat ja in der Zeitung gestanden. Aber ich schreibe es dir trotzdem, weil ich nicht sicher bin, ob du bei den vielen E-Mails, die du am Tag lesen musst, überhaupt noch dazu kommst, Zeitung zu lesen. Ich hab auch gehört, dass einige von euch so richtig sauer auf den Edward sind, so sauer, dass sie ihm am Liebsten etwas antun wollten. Aber der Edward schützt sich vor euch. Er hat gesagt: Wenn ihm etwas zustoße, dann würden hochbrisante Informationen, die sich in seinem Besitz befinden, öffentlich werden.
Mein lieber Freund! Ich muss gestehen, dass ich großes Interesse an diesen brisanten Informationen habe. Deshalb habe ich mir einen Plan überlegt, wie man Edward Snowden etwas zustoßen lassen könnte. Um dich jetzt jetzt nicht mit den Details zu langweilen, will ich die Sache nur grob umreißen. Ich denke, es genügt, wenn ich sage, dass zur Durchführung ein Schnellkochtopf, ein Rucksack, eine Gaszentrifuge und natürlich etwas Uran benötigt wird. Die meisten Dinge davon habe ich mir schon besorgt. Schwierigkeiten bereitet derzeit nur das Uran, weil Wladimir, der mir schon 4 Kilogramm zugesichert hatte, das meiste davon ganz plötzlich an Haschem in Teheran verkauft hat. Jetzt muss ich warten, bis Wladimir die nächste Lieferung bekommt. Dann bekomme ich aber ganz sicher auch etwas davon ab. Die Gaszentrifuge wird hoffentlich nächste Woche eintreffen. Ich habe schon ordentlich Platz im Keller freigeräumt.
Lieber Freund!
Wenn du möchtest, kannst du mich gerne einmal besuchen. Dann kann ich dir die Sachen alle zeigen. Den Schnellkochtopf und den Rucksack.
Wo ich wohne, weißt du ja sicherlich.
Liebe Grüße
Dein Tobias
PS.: Du darfst auch Tube zu mir sagen.