Briefe an PRISM (3)

Den ganzen Vormittag schon kreist ein Hubschrauber über den Dächern von Pankow. Mal erscheint der Hubschrauber vor meinem Küchenfenster gen Norden, mal vor dem Wohnzimmerfenster gen Süden. Und meist ist er so dich dran, dass die Kaffeetasse auf dem Tisch klappert. Wollen die vielleicht zu mir? Dann sollten sie irgendwo landen, aussteigen und ganz normal klingeln. Das wäre die übliche Art, bei mir auf sich aufmerksam zu machen. Aber dieses alberne vor dem Fenster hin und her fliegen, das ist , obwohl es der eine oder andere vielleicht ganz originell finden mag, Kinderkarten. Es kann natürlich sein, dass der Hubschrauber gar nicht zu mir will. Vielleicht will er zu meinem Nachbarn. Vielleicht suchen sie auch nur jemanden, einen Verbrecher. Vielleicht hat jemand im Rathauscenter die Sparkasse überfallen und das Geld dort geraubt. Hoffentlich nicht mein Geld. Da wäre der Räuber nämlich schön blöd. Bankräuber ist ja einer der gefährlichsten Berufe, die man ausüben kann, dafür aber auch sehr gut bezahlt. Nur eben nicht, wenn der Bankräuber mein Geld raubt. Der Hubschrauber kreist jetzt um ein anderes Haus herum. Vielleicht ist der Hubschrauber neu, und der Pilot möchte den Hubschrauber möglichst vielen Leuten zeigen. Oder wollen sie doch zu mir? Er kommt wieder in meine Richtung geflogen. Haben sie vielleicht schon mein Haus umstellt? Scharfschützen im Schlosspark? Eine Aktion des Geheimdienstes? Schrieb ich nicht neulich in einer E-Mail an meinen lieben unbekannten Freund, meinen Freund beim BND oder beim NSA, wo auch immer er sitzt, diesem Freund, der alle meine E-Mails lesen muss, schrieb ich ihm nicht, dass ich mir einen Schnellkochtopf und einen Rucksack beschafft hätte, bald eine Gaszentrifuge und Uran bekäme? Endete meine E-Mail mit nicht den Worten, dass er mich gerne mal besuchen könne? Und da muss er jetzt gleich ganz dick auftragen und mit einem Hubschrauber kommen ... Vielleicht ist er auch sauer wegen der verschlüsselten E-Mail, die ich kurz danach geschickt hatte. Nur an mich selbst natürlich. Aber trotzdem geht die Mail erst mal ins Internet, wo sie von meinem lieben Freund gelesen werden muss. Aber diese Mail konnte er eben nicht lesen. Oder vielleicht doch! Vielleicht konnte er den Schlüssel knacken. Unzählige Supercomputer in gewaltigen Rechenzentren, jedes so groß wie einst der Palast der Republik, haben rund um die Uhr eine Woche gerechnet, dabei eine erhebliche Menge Energie verbraucht, bis sie endlich die E-Mail dechiffriert hatten. „Wer das liest ist doof“, kam raus. Vielleicht hat das meinen Sachbearbeiter bei PRISM etwas verärgert. Ich werde ihm eine Entschuldigungsmail schreiben, unverschlüsselt, nur an mich selbst adressiert, versteht sich.
Lieber Freund,
ich hoffe, dir geht es gut. Wegen der verschlüsselten Mail neulich, das tut mir leid. Ich weiß nicht, ob du sie entschlüsseln konntest, also, falls es dir nicht gelungen ist, ich kann dir versichern, dass in der Mail absolut nichts Wichtiges drinstand. Falls du sie doch entschlüsselt hast, dann weißt du ja bereits, dass da was völlig Unwichtiges dringestanden hat. Das hat dich sicherlich einiges an Energie gekostet. Das tut mir leid, das soll nicht mehr vorkommen. Deshalb wird in meiner nächsten verschlüsselten Mail etwas sehr, sehr wichtiges drinstehen. Ohne schon alles vorweg zu nehmen, darf ich so viel verraten, dass es hier um ein paar Details zur Gaszentrifuge geht. Aber mehr verrate ich jetzt nicht. Falls du mich mal besuchen möchtest, du kannst von Alex mit der U-Bah bis U-Bahnhof Pankow fahren, dann eine Station mit der 50 und dann noch 5 Minuten laufen. Mit einem Hubschrauber geht es natürlich auch, ist aber irgendwie albern, wenn man genausogut mit den Öffentlichen hinkommt.
Nun denn, mein lieber Freund
Dein Tube
Ich drücke den Sendekopf meines E-Mailprogramms. Und wenige Sekunden später dreht der Hubschrauber vor meinem Fenster ab und fliegt davon in die Ferne. Na bitte, es ist doch alles halb so wild. Und schön, dass wir in so modernen Zeiten leben. Früher mit der Post, mit der Deutschen Post und einem Brief aus Papier wäre der Hubschrauber sicher noch zwei Tage um mein Haus gekreist.