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Sommer in Berlin

Die fol­gen­de Geschich­te hat sich heu­te in 20 Jah­ren, also in der Zukunft im Jah­re 2043, zuge­tra­gen. Ich bin ein älte­rer Mensch, der durch den Hit­ze­schutz­plan des Gesund­heits­mi­nis­ters beson­de­ren Schutz genießt.

35 Grad im Schat­ten. Der Fern­spre­cher läu­tet. Ich hebe den Hörer ab. Der Gesund­heits­mi­nis­ter ist am Appa­rat und fragt, ob ich genug getrun­ken hät­te. Alko­hol? Nein, Was­ser. Ja. Dan­ke. Vie­len Dank für das Erin­nern. Ich habe genug Was­ser getrun­ken. Das sei gut, so er. Er wer­de sich zum Nach­mit­tag noch ein­mal mel­den, um mich erneut zu erin­nern, aus­rei­chend zu trin­ken. Und blei­ben Sie in der Woh­nung! Es sind 35 Grad.

Ja, scha­de. Hit­zelock­down. Dabei wäre ich am Nach­mit­tag noch gern zur Ost­see gefah­ren – ein paar Sta­tio­nen mit der S‑Bahn sind es nur, seit die Pol­kap­pen geschmol­zen sind.

20 Jah­re ist es her, da sie sich auf die Stra­ßen kleb­ten, das Kli­ma zu ret­ten. Ich hat­te schon damals gesagt, das bringt nichts. Die Pole wer­den trotz­dem schmel­zen, und zwar schnel­ler als erwar­tet. Und heu­te kle­ben sie sich immer noch fest, an den Tagen, wenn kein Hit­zelock­down ist. Das sind die weni­gen Arbeits­plät­ze, die noch erhal­ten sind. Alle ande­ren wur­den von künst­li­cher Intel­li­genz ersetzt.

Nur das Kle­ben hat nichts gehol­fen. Kip­punkt für Kip­punkt war gekippt. Ich hat­te immer gesagt, wir sol­len die Som­mer­zeit­um­stel­lung abschaf­fen. Guck dir die Tem­pe­ra­tur­da­ten an! Seit den 80ern, seit Ein­füh­rung der Som­mer­zeit­um­stel­lung, stei­gen die Tem­pe­ra­tu­ren stei­ler. Kein Wun­der, daß die Erde sich mehr erwärmt, wenn die Son­ne abends eine Stun­de län­ger scheint.

Man­che hal­ten mich wegen die­ser Ansich­ten für ver­rückt. Aber beweist mir mal das Gegen­teil! Was habt ihr denn für Argu­men­te? Wis­sen­schaft­ler sind sich einig? Fol­ge der Wis­sen­schaft? Es wird sich noch zei­gen, wer hier ver­rückt ist. Ich oder der Gesund­heits­mi­nis­ter, der mich ange­ru­fen hat, der wahr­schein­lich auch nur eine KI war. Wobei man das wirk­lich nie weiß. Man sagt, gele­gent­lich sol­le der Gesund­heits­mi­nis­ter auch per­sön­lich zum Tele­fon grei­fen. Einen Unter­schied erkennt man nicht.

Ich bli­cke aus dem Fens­ter auf eine lee­re Stra­ße. Hin und wie­der läuft ein Schwurb­ler über den Asphalt, der sich dem Hit­zelock­down wider­setzt. Die meis­ten sind Omas und Opas wie ich. Ich hof­fe, daß sie genug trinken.

Manch­mal bil­den sie Grup­pen. Ansamm­lun­gen von Men­schen, die sich zu einer Demons­tra­ti­on for­mie­ren könn­ten. Dann ist meist sehr schnell die Poli­zei da und fegt die Leu­te weg. Aber sie nie­seln sie nicht mit Was­ser­wer­fern weg. Jenes Mit­tel hat sich bei der Hit­ze als untaug­lich erwiesen.

Ich mach bei sowas eh nicht mit. Schwurb­ler. Spin­ner. Idioten.

Ich set­ze mei­ne Apple-Visi­ons-Tau­cher­bril­le auf und bege­be mich in die vir­tu­el­le Welt, wo ich mir ein auf­blas­ba­res Fla­min­go schnap­pe, mit dem ich über die Ost­see treibe.

Nach­her ruft der Gesund­heits­mi­nis­ter wie­der an. Und dann muß ich trin­ken. Ich hab näm­lich noch nicht. Ich hab gelo­gen vor­hin. Aber manch­mal rufen sie gar nicht an. Da kom­men sie nach Hau­se und klin­geln. Und dann machen sie einen Test. Das Risi­ko ist hoch, erwischt zu werden.

Tags: Diktatur, Klimawandel, Klimakleber, Sommer

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